Axologie der Serien – eine kleine geschichtliche Zusammenfassung

In den blattgefederten Land Rovern kamen werksseitig drei Achstypen zum Einsatz: Rover, ENV und Salisbury. Die Achsen werden gemeinhin nach den in Ihnen verbauten Differentialtypen benannt. Eine Rover Achse hat ein Rover Differential.

Die Rover-Achse, wie sie in allen Land Rovern von 1948 bis zum heutigen Defender Verwendung findet geht auf eine Eigenentwicklung von Rover aus den 1930ern zurück. Es ist der mit Abstand häufigst verbaute Achstyp bei den Land Rovern. Natürlich hat die Rover-Achse über die Jahre zahlreiche Modifikationen erfahren von denen die wohl wichtigsten die Gelenkwelle und die Anordnung der Lenkgeometrie betreffen. Die Rover-Achse wurde sowohl hinten als auch bis heute standardmäßig vorne bei allen Land Rovern verwendet. Trotz aller Unkenrufe ist es ein sehr belastbares und klagloses Differential. Die typischen Probleme sind Zahnausfall und Steckachsenabriss. Beides sind Altersprobleme und gehen in der Regel auf eine mangelhafte Wartung in der Vergangenheit zurück. Zahnausfall ist ein typisches Fehlerbild, wenn das Kronenrad, also der Ausgang zur Kardanwelle auf das Tellerrad, also die Umsetzung auf die Achsen aufsteigt. Dies passiert wenn ein zu großes Spiel nicht erkannt und/oder nicht behoben wird. Der Steckachsenabriss ist Materialermüdung geschuldet, die man natürlich durch eine entsprechende Fahrweise auch beschleunigen kann. Irgendwann tordiert in aller Regel das im Differentialkorb steckende Ende und reißt ab. Routinierte Halter erkennt man aran, dass sie in diesem Fall zum erstaunen aller Fremdmarkenpiloten gelangweilt hinter sich greifen und eine neue Stackaachse rausholen und mal eben in der Parkbucht vorm Imbiss wechseln. Richtig gute schaffen das, bevor die Pommes kalt und die runtergefallenen Unterkiefer der Umstehenden wieder raufgekrabbelt sind. Alle anderen drehen durch und rufen erstmal den ADAC und posten ein paar Dislikes in den sozialen Medienkanälen. Routine in etwas zu haben ist beim Schrauben immer ein Zeichen was einem zu denken gibt.

Mit Verwendung größerer Reifen etwa den 9,00 R16 an den 1tons oder den 101FCs und der Forderung einer höheren Zuladung stellte sich die Frage nach einem entsprechend dimensionierten Differential. Das aus der frühen PKW Entwicklung stammende Rover Differential kam hier an seine natürlichen Grenzen. Hier kam keine Eigenentwicklung zum Zug, sondern ein Layout von American Eaton, einer Unternehmensgruppe des amerikanischen Maschinenbauers Eaton, Yale and Towne, die das Franko-britische Unternehmen ENV geschluckt hatten. Entgegen der Legende dass Eaton der Entwickler und daher das führende E von ENV begründet sei, ist ENV die frankophone Beschreibung des in der Gründerzeit häufigst hergestellten Motortyps der Firma: ein V Motor. ENV ist lautmalerisch „en V“ für im V angeordnet, wobei V auch für Sieg (Victory) verstanden wurde. Später wurden aus modischen Grund Punkte zwischen die Einzelbuchstaben gestreut, aus ENV wurde E.N.V. Also vielleicht doch Eaton, denn Eaton schluckte 1962 ENV, wer weiß das schon? Die ENV-Achsen hatten sich in GM Trucks bewährt und fanden als Vorder- und Hinterachse u.a. in 1tons und im markanten Forrester mit seinen wahrhaft gigantischen Reifendimensionen Verwendung. Eine Mischung von ENV mit anderen Achsen gab es noch seltener als die Achsen selber. Wie die spätere Salibury war sie als optionale Zusatzaustattung gegen einen erheblichen Aufpreis orderbar. Die Chance an einem Land Rover eine ENV zu sehen ist jedoch ziemlich gering. So gering, dass ich in all meinen Schrauberjahren noch nie eine auf dem Tisch hatte und nur sehr, sehr selten unter einem Landy verbaut sehe. Noch geringer ist die Ersatzteillage, die man erschöpfend mit inexistent beschreiben kann. Zudem war die massive ENV kaum sinnvoll mit den Standard-Reifendimensionen 6,0, 6,5 oder 7,5 R16 verwendbar. Überdimensioniert und teuer wurde es bald durch eine andere Übernahme ersetzt:

Dem Salisbury Differential. Das Salisburydifferential war für fast alle Lebenslagen fast aller Land Rover mehr als ausreichend dimensioniert, harmonierte gut mit den 7,5ern der langen Modelle, sowei den 9,00ern der 101er und wurde wahlweise erst als Option mit der SIII als Standardhinterachse der 109er verbaut. Für Sondermodelle wie den Shorland Panzerwagen und als Standard bei den 101FC waren sie sowohl vorne und hinten verbaut. Die Einführung der Salisbury war Forderungen des Bristischen Verteidigungsministeriums geschuldet, denen die Rover-Hinterachse am 109er zu schwach erschien. Land Rover selbst sah dies anders und führte die Salisbury ab etwa 1966 im zivilen Sektor zunächst nur als aufpreispflichtige Sonderausstattung E.1418 für 74 Britische Pfund (Das wären nach heutiger Kaufkraft etwa 1.710 Britische Pfund) als Ersatz für die Rover-Achse ein. Wie das ENV war das Salisbury keine Eigenentwicklung, sondern eine Übernahme. Es ist die schon in den Jeeps bewährte amerikanische Dana 60, die aus vertriebspolitischen Gründen in Salisbury umgetauft als englische Produktion in die Land Rover einfloss. Obwohl amerikanisch war es eine gute Wahl, gilt die Salisbury doch gemeinhin als unkaputtbar. Auch entlang der Werksunterlagen ist sie die haltbarste Achse, die je in einem Land Rover verbaut wurde. Aus eigener Schraubererfahrung kenne ich kaputte Salisburys nur aus der Erzählung und in aller Regel war vorher jemand da dran. Ich wage die vorsichtige These: ohne Gefährdung durch schraubende Amateure und mit genügend Öl versorgt ist die Salisbury das letzte, was an einem Land Rover kaputt geht. Das ist auch gut so, denn für schraubende Amateure ist das Rover-Differential einfacher zu schrauben. So betrachtet könnte die gefühlt erhöhte Anfälligkeit des letzteren in Wahrheit Teil eines größeren Planes zur Durchschraubung der Gesellschaft gewesen sein. Vielleicht deshalb verblieb die Rover-Achse mit ihrer latenten Spaßoption bis heute in den Land Rovern, während die unanfällige Salisbury 2002 bei den Defendern gegen die P38 Achse ersetzt wurde. Zu unanfällig für eine Schrauberkiste wie die britische Grotte. Aber das ist dann schon Spiralnudelgeschichte und damit nicht das Thema vom Serieblog.

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