FAKEsimile – wenn Graphiker spielen statt schrauben

Eigentlich steht mein Alltagstier auf dem Hof und wartet auf die schraubende Hand. Uneigentlich tut es das, verbiestert wie es ist, schon ein zeitlang. Wir beide haben gerade nicht so den Draht zueinander. Eigentlich ganz einfach: Motor austauschen, Anschließen, Einstellen fahren. Naja, Madame beglücken mich mit mit der gesamten Skala an Boshaftigkeiten, die man eigentlich nur in einem entflammten Rosenkrieg, nicht aber bei einer leidenschaftlichen Liebesbeziehung erwarten würde. Nun, vielleicht hat sie das mit dem Leiden und Schaffen in leidenschaftlich falsch verstanden, falls ja, dann gründlich. Kurzum, ich habe gerade keinen Bock und prokratsiniere meine Landroveritis im Büro. Verkehrte Welt, denn normalerweise prokrastiniere ich meine Bürotätigkeiten in der Werkstatt. *lach* Aber immerhin bleibe ich beim Thema.

Der Land-Rover kommt aus einer Zeit, da der Halter noch umfassendes Handlungswissen zu Betrieb, Wartung und Funktion seines Fahrzeuges hatte, ja haben musste. Allein der Wartungsplan mit seinen in engen und engsten Takten durchzuführenden Kontroll- und  Servicearbeiten beinhaltet eine gefühlte Zillion Positionen. Dementsprechend mächtig sind die Betriebshandbücher und jedem ernsthaften Halter waren und sind zudem Werksstatthandbuch und die Teilehandbücher eine gewohnte wie liebgewonnene Lektüre. Was allerdings vollkommen fehlt, ist eine Möglichkeit diese Intervalle auch nachvollziehbar einzuhalten. Es gibt lediglich ein Serviceheft, für die Inspektionen in Vertragswerkstätten, jedoch nichts für den fahrenden Halter. Das damals üblicherweise geführte Fahrtenbuch überließ Land-Rover namenlosen Drittanbietern. Hmm. Durch Thomas, der mir einen Scan von einem Fahrtenberichtsheft der Schweizer Armee zuschickte kam ich drauf und sofort trieb es mich an den Zeichentisch. Im Stil des Benutzerhandbuches der IIA, 2, Ausgabe von 1966 entwarf ich zwei Versionen der Bücher, die es nie gab, aber dringend hätte geben müssen. Der Stil der 1966er Ausgabe gefällt mir nicht nur, weil es mein Geburtsjahr ist mit am besten. Stilecht ein Bordbuch zu führen, App-fern mit Stift und handschriftlichen Einträgen macht mir ungleich mehr Spaß, wenn ich es in zum Fahrzeug passenden Heften tun kann.

Da es diese Bücher nicht gibt, musste ich festlegen, was sie sinnigerweise enthalten. Erstmal die Schriften bestimmen und mit den Graphikern in Solihull eins ums andere mal hadern, weil sie ein – sagen wir laxes Verhältnis zur Typographie und deren Verwendung hatten. Manchmal wäre ich gerne kein Graphiker und hätte damit die Möglichkeit auf jede Schriftvorlage stumpf mit einer passend gestauchte und gezogenen Arial oder Times zu antworten. Ich bin aber Graphiker, also identifiziere ich alle verschiedenen Schriftfamilien in der Betriebsanleitung und die gefühlten Regeln ihrer Verwendung. Ich glaube die haben damals auch einfach den Setzkasten genommen, der gerade herumstand und Typen beinhaltete, die irgendwie ähnlich aussahen. Die lockere Durchmischung von Garamond und Bodoni ist zumindest ein sicheres Anzeichen für eine lässlich geführte Setzerei. Umschlag ist bis auf die Umstellung von Hoch auf Querformat klar. Der Innentitel bekommt ein Feld zum Eintragen des Kennzeichens, der Trend zur Zweit-, Dritt- und X.-Serie ist ja nicht nur bei mir zu beobachten. Eine kleine Typenübersicht ist zwar sinnfrei, ich weis ja dass nicht in einem Micra sitze. Aber schön anzuschauen, also rein damit. Ganz wichtig: die empfohlenen Schmiermittel, immerhin sind die verschiedenen Halterforen lesefern voll von Fragen, was man da nun reinkippen soll. Ein Übersichtsplan mit einem Chassis samt Antriebsstrang, hilft ungemein bei der Orientierung. Dieser wird gefolgt von allen Unterhaltsarbeiten, die auf Kilometerleistung, Verbrauch oder Betriebsstunden beruhen. Ja, die Serie war tatsächlich mal primär kein Privatspaßvehikel von Sonntagsfahrenden Privatiers, sondern ein erdiges Arbeitstier. Bei solchen werden Wartungsintervalle nicht nur in Kilometern taxiert, sondern auch in Betriebsstunden oder durch Verbrauch – je nach Verwendung. Daher tauchen in den Tabellen die Punkte Betriebsstunden und Verbrauch auch gesondert auf, womit sich dieses Fahrtenbuch von denen für Privatfahrzeuge, wie man sie heute noch bekommt unterscheidet. Aus Gründen der Zusammenstellung und Bindung, und weil es Sinn macht sind dann noch zwei Blankoseiten für Notizen eingepflegt.

Da keine Druckerei zu vertretbaren Kosten solche Einzelexemplare druckt, habe ich mit den Mitteln, die mir mein Büro so gibt gespielt:  Blockschere, Blockhefter, Fotoplotter, etc. Und im Ergebnis ein wie ich meine ansehnliches, zumindest mich hinreichend zufriedenstellendes Ergebnis erzielt. Die Blätter sind aus einem cremefarbenen Registraturpapier, welches sich einfach klasse beschreiben lässt, schön anfasst und zudem sehr passend zur Vorlage von 1966 aussieht. Rein weißes Papier habe ich ausprobiert und verworfen. Der Umschlag ist ein steifes 300gr. Fotoplotterpapier. Da diese Papiere zwar schön dick sind, aber nicht ausreichend grifffest für den Alltagsgebrauch im Landy sind, habe ich mit diversen Beschichtungen experimentiert. Den Zuschlag erhielt die Klarlackierung mit der Becherpistole in der Werkstatt. Was schon fast wieder standesgemäß ist. Im Ergebnis habe ich nun ein schönes Fahrtenbuch, mit griffesten und wasserabweisendem Umschlag, welches sehr wahrscheinlich so aussieht, wie ein Fahrtenbuch von Land–Rover für die SIIA ausgesehen hätte, wenn sie denn eines gemacht hätten. Dummerweise ist meine SIIA noch ein Haufen Müll, der auf Zuwendung wartet. Mal sehen, vielleicht mache ich doch noch eine Version für die Serie III.

Daten: Format DIN A6 quer, 28 Seiten, davon 5 Wartungsplan, 2 Notizen, je 1 Wartungsschema, Titel, Fahrzeugtypologie und 6 Doppelseiten mit Fahrtenjournal.

Und das beste für mich als unabhängigkeitsliebenden Bastler ist: ich kann mir so viele Fakesimiles machen, wie ich will und wann ich will. Morgen streichele ich dann wieder mein Alltagstier mit dem Ringmaul.

6. Februar 2015 Nachtrag. Ich habe zwischenzeitlich auch eine Version für die IIA im Layout ab 1963 erstellt. Und eine Version im Layout der Serie II von 1961.

Link zum Serieblogshop
http://www.serieblog.org/store/#!/Fahrtenbuch-SII-&-IIA/p/32990536/category=4257589

 

13 comments to “FAKEsimile – wenn Graphiker spielen statt schrauben”
13 comments to “FAKEsimile – wenn Graphiker spielen statt schrauben”
  1. Was für eine Stückzahl müsste denn für eine Druckerei da sein, um ca auf € 10,- zu kommen?
    Ich habe zwar seit Jahren alles in Excel-tabellen, die kann man aber schlecht mitnehmen.
    Und stilecht sind die auch nicht.

    • Das ist nicht das Problem. Das Problem wäre ein Freigabe durch den Rechteinhaber an dem alten LR Logo und Namenszug. Da es ein Fake ist, behaupte ich eine Urheberschaft, die so nicht existiert. Aus dem Kopf grob erinnert sieht §107 Urheberrechtschutzgesetz dafür im gewerbsmäßigen Fall sogar Haftstrafen vor, wenn man es eng auslegen will. Ich wüsste nichtmal wen ich da fragen sollte: Das Heritage Center? Tata? LR Deutschland?
      Das ist, wenn es gewerblich wird alles sehr kompliziert. Privat kann ich basteln, was ich will und natürlich auch an Freunde verschenken. Schick mir einfach Deine Adresse, kannst Dich ja nach Gusto bedanken, wenn es gefällt.

  2. Hallo Guido, cool, was Du aus der Vorlage gemacht hast – eine schöne, stilechte Mischung aus verschiedenen Dokumenten – schön „glattgezogen“ und fertig!
    So hätte das echt aus Solihull kommen können!
    Ich frage mich manchmal, was die alten Rover-Ingenieure, Marketingleute etc. zu unserem „Serievirus“ und all die kleinen netten „Auswüchse“ sagen würden – ich denke, die hätten echt Spass daran, dass Ihr „Stopgap“ von 1948 1. noch immer lebt und produziert wird und 2. die alten so liebevoll gepflegt und gefahren werden. Eben eine einzigartige Geschichte!

    Viele Grüße!

    Thomas

  3. Hallo Guido!
    Wenn du, (wie ich) Grafiker bist, warum schreibst du in deinem Artikel gefühlte 88 mal „Graphiker“?

    Orthografische Grüße
    Bubu

    • Wahrscheinlich, weil ich eben doch ein älterer Graphiker bin, als ich es mir angesichts meines noch deutlich spürbaren juvenilen Anfluges im Spiegelbild eingestehen will. Abgesehen davon ist die Schreibweise mit ph ebenso richtig, wie die mit f:
      http://www.duden.de/rechtschreibung/Grafik

      Rückorthographierte* Grüße

      (*auch hier sind beide Schreibweisen zulässig)

  4. Hallo Guido,

    ich habe großes Interesse an deinem Wartungplan, da ich mir gerade eine Serie IIa zugelegt habe und mich frage, was ich wann alles warten muss… Zudem finde ich die Idee ein Büchlein zu haben, in dem ich alles dokumentieren kann sehr reizvoll.

    Viele Grüße
    Carsten

  5. Das Ding ist soooo abgefahren, das ist schon ein Abgefahrtenbuch 🙂 Das Design ist unglaublich gut, wenn das Ding etwas gealtert wird, geht es als echt durch, damit kann man vermutlich sogar den Wiederverkaufswert erhöhen, wenn man die alten Daten nachträgt *g*
    Aber mal zur Herstellung: hab ich das richtig gelesen, dass Du den Umschlagbogen mit Klarlack aus der Werkstatt behandelt hast? Ich nehme an, dazu braucht man schon eine Mindeststärke des Papiers. Wie Knicksicher ist der Lack denn, hast Du da mitterweile schon Langzeiterfahrungen gemacht?

    Daumen hoch und Gruß
    Karsten

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